Publications

NEAR LIFE, The Gipsformerei- 200 Years of Casting Plaster, 2019, PRESTEL

Pearlescence (2017) consists of two vase bodies based on the double casting of the head of a monk sh. Despite its reputation as the epitome of ugliness, the monk sh is a deli- cacy. Its tail — tiny compared to its head — is an expensive delicacy, whereas the head almost comes for free. Having come across this extraordinary maritime creature at the sh counter of Kaufhaus des Westens in Berlin, I bought the head and took it back to my workshop. As I examined the creature more closely, I became fascinated with the inner life that its open throat revealed. Peering into the sh’s mouth, a hollow space surrounded by beautiful, soft struc- tures appeared. As one can not grasp all this beauty just by looking at it, I came up with the idea of taking moulds of the sh, from both inside and out. What interests me most is the aesthetic of ugliness, symbolised in this case by the monstrosity of the monk sh, as well as turning inside out the inner appearances and processes of things. I am fascinated by structures and the beauty of certain phenomena to be found in nature, even though they may not commonly be considered aesthetically valuable. Porcelain is an exquisite material steeped in tradition, which contrasts form and content in fascinating ways. In this project, I tried to avoid both artis- tic exaggerations and simpli cations and to rather show nature’s creations as I nd them. Since I would never be able to model natural structures with the same degree of precision as nature has made them, I consider myself fortunate for being able to resort to the technique of casting.

Maria Volokhova, artist / Dr. V. Tocha, curator

KÄFERZEITUNG, Mai 2020

Morbide Ästhetik

Oder wie Maria Volokhova die Anatomie von Mensch und Tier mit Porzellan auf eine neue künstlerische Ebene hebt.

Ein Fisch mit weit aufgerissenem Maul als Lampe, ein Schweinekopf als Teekanne mit passenden Tassen oder ein menschliches Herz als Vase – all diese Arbeiten stammen von Maria Volokhova. Seit zehn Jahren lebt die Ukrainerin als freischaffende Künstlerin und Designerin in Berlin und zeigt seither mit ihren Werken, dass man aus feinem Porzellan weit mehr machen kann als die klassisch lieblichen Dekore, die bei den meisten für besondere Anlässe im Schrank stehen. „Think out of the box" lautet ihr Motto. Und so entstehen zwischen Bildender Kunst und Produktdesign ausgefallene funktionale Objekte, vor allem inspiriert von historischen Vorbildern sowie Formen und Strukturen der Tier- und Pflanzenwelt. „Mich interessiert die Ästhetik des Hässlichen und das Nachaußenkehren innerer Erscheinungen und Prozesse", erzählt sie im Interview. "Die natürlich vorkommenden Strukturen und die Schönheit bestimmter Phänomene, die gemeinhin nicht unbedingt als ästhetisch erachtet werden, faszinieren mich."  

 

Dass es beruflich in Richtung Gestaltung gehen sollte, wusste die gebürtige Kiewerin schon früh. „Mit sechs Jahren fing ich an zu zeichnen und besuchte eine Abendkunstschule, bevor ich an einem Kunstgymnasium meinen Abschluss machte“, erinnert sie sich. Ihr Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle führte sie 1997 schließlich nach Deutschland. Besonders faszinierte sie die Arbeit mit dem Werkstoff Keramik, da dieser ihre Gedanken so gut in etwas Haptisches übersetzen konnte. So entstand der Wunsch, in Japan, dem Land, das als Wiege der Keramik gilt, mehr darüber zu lernen. 2006 ergatterte Volokhova einen Platz an der Kunstuniversität Tokio und begann, sich intensiver mit den unterschiedlichen Facetten des Materials – unter anderem mit dem feinkeramischen Porzellan – auseinanderzusetzen. Zudem beschäftigte sie sich eingehend mit der Anatomie des Menschen und dem Kontrast, den die medizinischen Details zu dem erhabenen Material schaffen. Und so reifte die Idee, mit Porzellanarbeiten das Innenleben von Mensch und Tier zu erforschen und abzubilden. 

 

Zurück in Deutschland und in ihrem eigenen Studio in Berlin-Kreuzberg legte die Künstlerin kreativ und experimentell los. Ein Eierbecher auf Hühnerfüßen oder ein Schafschädel, der sich in fünf Einzeilteile (Tasse, Schüsseln und Teller) zerlegen lässt, gehören zu ihren bisherigen Werken, die sie mit Drehplatte, Feilen, Messern, Pinseln und Bürsten fertigt. Am liebsten entwirft die Brünette ganze Tafeln nach barockem oder fürstlichem Vorbild samt Geschirr für besondere Mahlzeiten – vom aufgeschlitzten Hasen als Obstschale über einen Schafsmagen als Servierplatte mit Haube bis hin zur Sauciere in Form Austernschale Durch das gestalterische Spiel mit morbiden, oft abstoßenden Motiven, die sie auf Alltagsgegenstände wie Geschirr, Vasen und Lampen projiziert, schafft sie eine Kunstform, die nicht nur betrachtet, sondern benutzt werden kann. „Ich möchte die Menschen zum Nachdenken anregen und gedanklich auf eine neue Ebene führen“, antwortet sie auf die Frage nach der beabsichtigten Wirkung ihrer Kunst. Hinzu kommt der Kontrast zum traditionellen und edlen Material Porzellan, das die unangenehmen Inhalte auf eine neue ästhetische Ebene setzt. Künstlerische Übersteigerungen oder Vereinfachungen versucht die 40-Jährige dabei zu vermeiden, stattdessen möchte sie die Kreationen der Natur so wiedergeben wie sie sind. Deshalb modelliert sie die natürlichen Strukturen nicht nach, sondern nutzt die Technik der Abformung. Das gestaltet sich aufgrund der Oberflächenbeschaffung jedoch oft schwierig. So klappte etwa die Abformung des schleimigen Äußeren und Inneren eines Seeteufels erst beim vierten Versuch. Und das, obwohl die Designerin dafür extra eine Vorrichtung gebaut hatte, in der der Fisch aufgehängt und das Innere aufgespannt werden konnte.

 

Die Künstlerin verbringt viele Stunden mit Austesten und Nachjustieren und damit, die Grenzen des Möglichen zu erweitern. „Neue Projekte entstehen, wenn ich etwas sehe, das mich fasziniert. Dann hinterfrage ich, was daran spannend ist und versuche genau diesen Moment mit meiner Arbeit einzufangen“, erklärt sie. Manche Ideen werden ohne lange Vorbereitung sofort umgesetzt. Für andere, meist konzeptionelle Arbeiten, recherchiert Maria Volokhova Hintergrundgeschichte und Symbolik in der Bibliothek und beginnt anschließend mit ersten Abformungen aus Gips, Silikon oder Tonmodellagen, die sie schrittweise verfeinert, abgießt, brennt und glasiert. Viele Details und Gedankenebenen entstehen immer erst im Prozess. Ein Schwein etwa hat eine sehr konträre Symbolik und steht einerseits für Glück, andererseits für schlechtes Benehmen oder einen schlechten Menschen. „Genau mit dieser Dichotomie spiele ich bei meinen Designs.“, beschreibt sie. Zwischen der ersten Idee und dem fertigen Werk liegen meist acht bis zwölf Monate, manchmal auch mehrere Jahre. Eine Schwanenlampe war die bisher aufwändigste Arbeit. Drei einzelne, circa fünf Zentimeter dicke Gipsformen à 20 bzw. 30 Kilo hat sie dafür mit 15 bis 20 Litern Porzellanmasse gefüllt, einzeln gebrannt und hinterher zusammengesetzt. Oft sind die Rohlinge so schwer und groß, dass die Designerin, die meist alleine arbeitet, sie nur mit Hilfe eines Assistenten bewegen kann. Auch das Material birgt einige Tücken. Porzellan kann beim Brennen reißen oder sich verziehen, zudem schrumpft es um 16 bis 18 Prozent. Dadurch sind die Modelle viel größer als die späteren Endprodukte und aus einem 40 Kilo schweren fasshohen Rohling wird später eine gerade einmal 40 Zentimeter hohe Vase. 

 

Um ein breiteres Publikum anzusprechen, arbeitet die Künstlerin immer bewusst zwischen Kunst und Produktdesign, also gefälligeren Artikeln, die man in ausgewählten Läden (in München z. B. im Chaingang Store) erwerben kann. Ansonsten verkauft sie an Sammler und Museen, Designer sowie professionelle Kunstschaffende, stellt ihre Werke in Galerien aus oder präsentiert sie weltweit auf Shows. Ihr Lieblingsprojekt? Immer das, woran sie gerade arbeitet. Seit drei Jahren mittlerweile an einem lange gehegten Traum, einer großen Tafel, bei der es um menschliche Anatomie geht und die bis zum kommenden Frühjahr endlich fertig werden soll.

MUSEUMSJOURNAL IV/2017

Blickfang BESTIARIUM

Claudia Kanowski

Auf den ersten Blick ist man irritiert, wenn man die Porzellane aus dem Ensemble BESTIARIUM betrachtet. Ist es Gebrauchsgeschirr oder Objektkunst? Sind es Naturabformungen oder frei modellierte Gefäße? Handelt es sich um Kunsthandwerk oder Produktdesign? Sind die Formen und Dekore auf digitalem oder analogem Weg entstanden?

BESTIARIUM steht genau an der Schnittstelle zwischen all diesen Aspekten. Das Tafelensemble entstand im Jahr 2015 in einer Kooperation zwischen der Porzellankünstlerin Maria Volokhova und dem Berliner Designbüro SHAPES iN PLAY (Johanna Spath und Johannes Tsopanides). Teile daraus wurden kürzlich für das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin erworben: eine Fischplatte mit Hechtkopf, eine kleine, fischköpfige Vase, ein sechsteiliges Tellerset, eine Tortenplatte mit Tortenhaube, die auf Hühnerfüßen platziert ist, sowie eine Teekanne in Schildkrötenform mit zwei Schalen. 

Beim Entstehungsprozess greifen analoge und digitale Verfahren ineinander. Gestalterische Grundlage bilden Naturabformungen aus Gips. Hecht- und Karpfenkopf sowie Hühnerbeine hat Maria Volokhova direkt in Gips abgeformt. Die davon gefertigten Silikonpositive wurden eingescannt. Mittels einer speziellen Software hat SHAPES iN PLAY diese Scans dann zu dreidimensionalen Modellen weiterentwickelt. Einen Eindruck von der digitalen Entwurfsgenese erhält man beim Betrachten der Tellerdekore. In künstlerischer Verfremdung ist hier das jeweils zugrundeliegende Bildschirmbild dargestellt, zum Beispiel die Schildkrötenkanne, die Schnaupe der Kanne, der Hechtkopf oder, auf der Tortenplatte, der Vogel, der zum vogelkopfförmigen Griff der Tortenhaube führte. Die Aufglasurfarben, mit denen die im Digitaldruckverfahren aufgebrachten Dekore gestaltet sind, sind typische Softwarefarben. Auch die vielfach gebrochenen Oberflächenstrukturen sind digital generiert. Parallel zur digitalen Gestaltung entstanden die Formideen aber auch analog und haptisch „real“. So basiert die Tortenhaube in ihrer Stofflichkeit auf Experimenten, die Maria Volokhova mit einem tongetränkten Tuch durchführte. Die auf diesem analog-digitalen Weg erzeugten Modelle werden am 3D Drucker in Polyamid gedruckt. Der weitere Herstellungsprozess unterscheidet sich nicht von herkömmlichen Porzellanen: Von der Mutterform werden Gipsnegative abgenommen – mehrere Teile bei komplexen Formen wie zum Beispiel der Teekanne –, diese dann zusammengesetzt, so dass die Porzellanmasse eingegossen werden kann. Es folgen die manuelle Überarbeitung, das Glasieren und Brennen bei etwa 1450 Grad Celsius. Die einzelnen Teile des Services werden in Kleinstserie, nur auf Nachfrage, hergestellt. Da mit unterschiedlichen Porzellanmassen gearbeitet wird, ist quasi jede Ausformung ein Einzelstück.

In der Hybridität zwischen analogen und digitalen Techniken spiegelt sich das künstlerische Konzept von Maria Volokhova und SHAPES iN PLAY wider. Auch die Objekte sind Mischwesen – halb Tier, halb Gefäß, halb naturalistisch, halb abstrakt. Sie stehen für unsere widersprüchliche, oftmals irritierende Gegenwart, bilden eine eigene Welt, in der Reales und Computergeneriertes ineinander übergehen. Dabei wirkten historische Bildfindungen inspirierend, zum Beispiel die hybriden Fantasiewesen von Hieronymus Bosch. Beim Gang durch die vielfältigen Bestände des Kunstgewerbemuseums eröffnen sich weitere historische Anknüpfungspunkte: etwa bei den Naturabgüssen von Wenzel Jamnitzer im Renaissanceraum, den Schaugerichten aus Fayence und Porzellan im Barock- und Rokokoraum oder auch den biomorphen Formen und Dekore auf Servicen und Vasen, die im Jugendstil zu finden sind.

Zusammengebracht hat Maria Volokhova und Johanna Spath die Begeisterung für das Material Porzellan. Sie haben sich bei einem Porzellanworkshop in Polen kennengelernt. Maria Volokhova, gebürtige Ukrainerin, hat an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Bildende Kunst studiert. Mit Keramik hat sie sich intensiv während eines mehrjährigen Japanaufenthalts auseinandergesetzt, wo sie an der keramischen Fakultät der Kunstuniversität Tokio studiert hat. Johanna Spath, die seit 2011 zusammen mit dem Designer Johannes Tsopanides das Berliner Büro SHAPES iN PLAY führt, begann ihre Laufbahn mit einer handwerklichen Ausbildung zur Modelleurin an der Fachschule für Porzellan im fränkischen Selb. Anschließend hat sie Produktdesign an der Hochschule Coburg studiert.

Als das Berliner Kunstgewerbemuseum vor einhundertfünfzig Jahren – als erstes Museum seiner Art in Deutschland – gegründet wurde, geschah dies auch in Reaktion auf die radikalen Veränderungen, die die maschinelle Industrialisierung mit sich brachte. Durch hochwertiges Kunsthandwerk verschiedener Epochen und Länder wollte man Kunstschaffenden Orientierungshilfen an die Hand geben. BESTIARIUM setzt sich mit den digitalen Möglichkeiten unserer Gegenwart auseinander und schlägt zugleich Brücken in die Vergangenheit. Insofern fügt sich die Arbeit sehr gut in die Bestände des Kunstgewerbemuseums ein und bildet nicht nur für Porzellanfreunde einen Blickfang.

 

Dr. Claudia Kanowski ist Kuratorin für Keramik am Kunstgewerbemuseum SMB.